Beim afrikanisch-deutschen Stammtisch ist jeder willkommen Reden, essen und dabei noch Gutes tun
diallo sekt presseStammtische sind sehr beliebt - und das nicht nur bei Bier trinkenden Skatbrüdern. Nürnbergplus stellt in einer Serie besonders originelle Stammtische vor. Dieses Mal haben wir uns beim afrikanisch-deutschen Stammtisch in Nürnberg umgesehen.

Von Sharon Chaffin

Vor der Tür herrscht schlimmstes Schmuddelwetter: Regen fällt auf den Südstadt-Asphalt, Straßen und Häuser sind in tristes Grau getaucht. Hinter der Tür aber sieht das Leben gleich ganz anders aus: Flotte Bob-Marley-Songs und afrikanische Musik sorgen in dem Restaurant „Le Kilimandjaro“ für sonnige Stimmung. Der erste Samstag im Monat gehört in der Pillenreuther Straße 14 Afrika, Afrikafreunden und solchen, die es werden wollen.

Der Clou an den Treffen ist: Jeder kann bei dem Stammtisch mitmachen - ohne Anmeldung und völlig zwanglos. Die bisherigen Mitglieder nehmen jeden mit offenen Armen auf. „Es kommen schon auch Wildfremde dazu“, erzählt Stammtisch-Mitgründer Wolfgang Oppelt, „darüber sind wir sehr froh.“

Durch eine Anzeige animiert

So hätten unlängst zwei Frauen vorbeigeschaut, die durch eine Anzeige aufmerksam wurden. „Wir wollen Hemmschwellen abbauen“, erklärt der Nürnberger, „die Leute sollen uns einfach beschnuppern können.“ Manchmal stünden die „Neuen“ noch etwas abseits, würden sich dann aber schnell in die Runde integrieren.

Es liegt den Stammtisch-Mitgliedern sehr am Herzen, dass sich weitere Menschen für Afrika und seine Kultur interessieren. Dafür werben sie schon seit längerem. Denn die Stammtisch-Gründer sind gleichzeitig Mitglieder des 2002 in Nürnberg gegründeten westafrikanisch-deutschen Vereins EuroGuiné: Eine Einrichtung, die Völkerverständigung und interkulturellen Austausch fördern will. Auch haben es sich die knapp 50 Vereinsmitglieder zur Aufgabe gemacht, die Entwicklungsarbeit in Guinea mit eigenen Projekten zu unterstützen.

Guinea ist eines der ärmsten Länder der Welt. Abdoulaye Diallo, Vereinsgründer und Stammtisch-Initiator, weiß dies nur zu gut. Er kam 1978 aus dem westafrikanischen Land als Student nach Deutschland, seit 1988 lebt er mit Ehefrau Ulrike in Nürnberg. „Ich engagiere mich nicht, weil ich mit einer Deutschen verheiratet bin“, sagt er. Der promovierte Volkswirt und SAP-Berater will mit seiner ehrenamtlichen Vereinstätigkeit und dem Stammtisch Menschen aus unterschiedlichen Kulturen zusammenführen. Außerdem möchte er dazu beitragen, das oftmals sehr negative Afrika-Bild in Deutschland zu verbessern. „Es gibt auch Asylbewerber, die zum Bruttosozialprodukt beitragen“, sagt der 50-Jährige. Diese positiven Beispiele möchte er einer breiten Öffentlichkeit vorführen. Deshalb wird er nicht müde über Afrikaner zu berichten, die gemeinsam mit Deutschen arbeiten und sich gegenseitig helfen.

Gespräche auf einer lockeren Ebene

Bei seiner Arbeit spielt die Situation in Guinea natürlich immer eine wichtige Rolle: Stolz verweisen er und sein Vize Wolfgang Oppelt auf Hilfsprojekte wie den Aufbau einer Krankenstation.

Der Schwarze Kontinent ist bei den Stammtischen ein großes Gesprächsthema. „Allerdings eher auf einer lockeren Ebene“, erzählt Oppelt. So passten juristische Fragen über Aufenthaltsrecht oder Aufenthaltsgenehmigung nicht unbedingt zur Kneipenatmosphäre im „Kilimandjaro“, räumt der Kulturwissenschaftler ein. „Dazu sollte man besser eine Diskussionsveranstaltung besuchen“, rät der 60-Jährige. Entsprechend launig reden die rund ein Dutzend Teilnehmer an diesem Abend über Mali, Guinea, das Wort Entwicklungshilfe und die Internet-Präsentation ihres Vereins - dazwischen gibt es Kochbananen, Fisch, Reis und zur Feier des Abends eine Flasche Sekt.

Mit einer echten Oberfränkin verheiratet

Zu Mali hat der Nürnberger eine besondere Beziehung: Ist er doch seit 1996 mit einer Malierin verheiratet. So wie Oppelt leben viele der etwa 20 Stammtisch-Aktivisten in afrikanisch-deutschen Beziehungen.

Habib Barry ist seit 1987 mit einer waschechten Oberfränkin verheiratet. Der Guineer, der seit 1982 in Deutschland lebt, kommt regelmäßig zum Stammtisch. Zum Reden und zum Hören, wie es anderen so ergeht, erzählt er. „Der Erfahrungsaustausch hilft uns sehr“, sagt der 50-Jährige, der in Bamberg eine Autoreinigungsfirma besitzt.

Claudia Kruedener und ihr Ehemann sind an diesem Samstagabend zum ersten Mal ins „Kilimandjaro“ gekommen. Die Datenverarbeitungsspezialistin interessiert sich schon seit geraumer Zeit für Afrika und afrikanische Kultur.

In Nordafrika war die 54-Jährige sogar schon gewesen. Weil ihr Afrika sehr am Herzen liegt, fürchtet sie, der westliche Lebensstil könnte einfach auf die dortigen Verhältnisse übertragen werden. „Die gewachsenen Strukturen müssen auf jeden Fall erhalten bleiben“, meint sie. Außerdem sollten die reichen Länder aufpassen, dass soziale Standards in Afrika nicht unterschritten werden.

Das Wort „Entwicklungshilfe“ fände sie schon lange nicht mehr zeitgemäß. Auch über solche Themen lässt sich prima streiten — am besten am Stammtisch.

 Der nächste offene Stammtisch findet am Samstag, 5. November, ab 19 Uhr im „Le Kilimandjaro“, Pillenreuther Straße 14, statt. Außerdem präsentiert sich der Verein EuroGuinée am Samstag, 8. Oktober, beim Afro-Herbst im K 4, Königstraße 93, Beginn ist 13 Uhr.

6.10.2005 0:00 MEZ
    © NÜRNBERGER ZEITUNG

Zusätzliche Informationen